Wie kann man ein kinderfreundliches Umfeld für kurzsichtige Kinder gestalten?14 Minuten Lesezeit

Wenn Ihr Kind die Schrift an der Schultafel nicht mehr richtig lesen kann, die Augen häufig zusammenkneift oder oft blinzelt, könnte dies ein Anzeichen für eine beginnende Kurzsichtigkeit (Myopie) sein. Der erste Schritt führt zum Augenarzt. Dieser verabreicht spezielle Augentropfen und kann so feststellen, ob die Beschwerden durch eine Kurzsichtigkeit hervorgerufen werden.

Ist die Diagnose bestätigt, gibt es meist ein Rezept für die erste Brille – und viele Fragezeichen bleiben.

  • Wie entsteht und entwickelt sich die Kurzsichtigkeit meines Kindes?
  • Und wie können wir als Eltern ein sehfreundliches Umfeld für unser kurzsichtiges Kind gestalten, damit die Sehstärke nicht so sehr zunimmt?

Kurzsichtigkeit bedeutet meist, dass die Augen zu viel wachsen. Dadurch liegt der Fokus nicht mehr auf der Stelle der Netzhaut, mit der man am schärfsten sieht. Die Folge: Weit entfernte Objekte werden nicht mehr scharf gesehen. Sie beginnt meist im Einschul-Alter und nimmt dann bis zum 20. Lebensjahr zu.1 Kurzsichtigkeit kann die Lebens- und Sehqualität von Kindern und Jugendlichen herabsetzen und kann die langfristige Augengesundheit beeinträchtigen.2

Das Wichtigste in Kürze

 

  • Sowohl persönliche Voraussetzungen eines Kindes als auch die Umwelt, in denen es aufwächst erhöhen sein Risiko für eine Kurzsichtigkeit. Das Gute: Umweltbezogene Faktoren lassen sich gezielt beeinflussen.
  • Viel Zeit im Freien bei natürlichem Tageslicht zu verbringen, ist nicht nur positiv für die allgemeine Gesundheit, sondern reduziert das Risiko, kurzsichtig zu werden.
  • Das Belohnungszentrum im Gehirn wird von vielen Social Media Apps gezielt angesprochen. Lange Bildschirmzeiten bei Kindern und Jugendlichen sind daher keine Seltenheit. Die lange Nahseharbeit kann neben einer schlechten Körperhaltung, sowie trockenen und müden Augen, auch das Kurzsichtigkeitsrisiko erhöhen.
  • Es gibt eine Reihe einfacher Regeln, die das Sehumfeld kurzsichtiger Kinder (und denen, die es werden könnten) verbessern.

Warum wird man kurzsichtig?

Viele persönliche Voraussetzungen eines Kindes erhöhen sein Risiko, eine Kurzsichtigkeit zu entwickeln. Hierzu zählen personenbezogene Voraussetzungen und Umwelteinflüsse.

Personenbezogene Voraussetzungen

Die Ethnische Herkunft

Bei Kindern asiatischer Herkunft nimmt die Kurzsichtigkeit schneller zu.³ 

Die Genetik

Das Risiko für die Entwicklung von Kurzsichtigkeit ist erhöht, wenn ein oder beide Elternteile kurzsichtig sind.⁴ 

Das Geschlecht

Mädchen haben ein etwas höheres Risiko, eine Kurzsichtigkeit zu entwickeln.⁵

 

Das beidäugige Sehen

Es gibt einen komplexen Zusammenhang zwischen dem Zusammenspiel beider Augen und der Entwicklung von Kurzsichtigkeit. Auffälligkeit beim Fokussieren naher Objekte gelten als Risikofaktor für das Entstehen und Fortschreiten von Kurzsichtigkeit.⁶ Eine Überprüfung des beidäugigen Sehens erfolgt bei Ihrem Myopie-Spezialisten.

Persönliche Faktoren, wie das Geschlecht oder die Herkunft lassen sich nicht beeinflussen. Aber es gibt auch eine Reihe von Umwelteinflüssen auf die Sehstärkenentwicklung.

Umwelteinflüsse, die das Entstehen von Kurzsichtigkeit begünstigen sind

Tageslicht

Kinder verbringen heute nicht mehr so viel Zeit draußen, wie es in früheren Generationen der Fall war, was sich im heutigen Schul-Umfeld nur bedingt ändern lässt. Es ist aber bekannt, dass Zeit draußen zu verbringen der allgemeinen und emotionalen Gesundheit förderlich ist.7,8 Viel Zeit draußen bei natürlichem Tageslicht kann außerdem das Einsetzen von Kurzsichtigkeit verhindern oder verzögern.9 Bei Kindern, die bereits kurzsichtig sind, wird das Risiko für eine schneller Sehstärkenzunahme reduziert.10 

Je weniger ein Kind natürlichem Tageslicht ausgesetzt ist und draußen im Freien spielt, desto höher ist sein Risiko, kurzsichtig zu werden.

Nahsehen

Bücherlesen, Hausaufgaben, die Nutzung von Tablets in der Schule und das Smartphone oder Tablet am Nachmittag – Kinderaugen verbringen heutzutage viel Zeit mit dem Blick in die Nähe. Wissenschaftler fanden heraus, dass sich pro Stunde mehr Nahsehen pro Woche das Risiko für eine Kurzsichtigkeit um 2% steigert.11

Das Risiko Ihres Kindes für eine Kurzsichtigkeit ist erhöht, wenn es viel auf nahe Objekte schaut (z.B. Lesen, Smartphone, Tablet).
Längere Lesezeiten und kürzere Leseabstände erhöhen das Risiko für eine Kurzsichtigkeit.

Nutzung von Computern und Smartphones

Digitale Geräte können, wenn gezielt und bewusst eingesetzt, positive Effekte auf das Lernen haben und sind heutzutage bereits in vielen Ländern in den Schulalltag integriert. Zu viel Bildschirmzeit kann sich jedoch negativ auf die Augenentwicklung auswirken. Dies gilt ganz besonders für Kinder unter dem 10. Lebensjahr, da hier die Augen natürlicherweise am schnellsten wachsen.12 Kinder, die bereits vor dem dritten Lebensjahr Bildschirmen ausgesetzt sind, haben ein größeres Risiko, im Schulalter kurzsichtig zu werden.13

Lange Bildschirmzeiten können außerdem zu trockenen Augen, Ermüdungs- und Anstrengungsbeschwerden der Augen und einer schlechteren Körperhaltung führen.14,15

Apps sozialer Medien, wie YouTube, WhatsApp, TikToK, Instagram, Snapchat und viele mehr sprechen besonders für Kinder und Jugendliche das Belohnungszentrum im Gehirn an. Die Folge sind häufig sehr lange Bildschirmzeiten und nahe Sehabstände. Lange Bildschirmzeiten erhöhen das Risiko für eine Kurzsichtigkeit um 30%.16

Ernährung

Leider ist der Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Ernährung noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich wirkt sich auch eine ausgewogene Ernährung positiv auf die Entwicklung der Augen aus. 

Das Gute ist: Die Umwelteinflüsse lassen sich meist gezielt beeinflussen. Als Eltern können Sie hier eingreifen, und bewusst ein kinderfreundliches Umfeld für kurzsichtige Kinderaugen gestalten.

Hierbei können Sie folgende Regeln beachten

  • Empfohlener Aufenthalt im Freien
    • Mindestens zwei Stunden Aufenthalt im Tageslicht pro Tag.
    • Dabei den Sonnenschutz für die Augen nicht vergessen. 😉
    • Mindestens 60 Minuten am Tag aktiv bewegen.
  • Empfehlungen für das Nahsehen
    • Zwischendurch Pause machen! Alle 20 Minuten den Blick für mindestens 20 Sekunden auf ein 20 Meter entferntes Objekt richten. (20-20-20-Regel)
    • Genügend Abstand einhalten! Der Leseabstand sollte mindestens 30 cm (ungefähr der Abstand der eigenen Fingerspitzen bis zum Ellenbogen) betragen.
    • Helle Schrift auf dunklem Hintergrund ist besser als dunkle Schrift auf hellem Hintergrund.
  • Empfehlungen für die Nutzung digitaler Geräte
    • Für Kinder unter dem zweiten Lebensjahr sollte keine Bildschirmzeit erlaubt sein.
      In sehr jungem Alter auf den Bildschirm zu schauen, reduziert die Zeit zum Spielen und Lernen und kann sowohl die Konzentrationsfähigkeit und die visuelle Entwicklung beeinträchtigen. Eine Ausnahme bildet das Videotelefonieren mit der Familie, was die Sprach- und soziale Entwicklung fördert.
    • Für Kinder zwischen 2 und 4 Jahren sollte die Bildschirmzeit auf 1 Stunde pro Tag begrenzt sein, idealerweise in Anwesenheit eines Erwachsenen. Die Bildschirmzeit sollte auf das Schauen von Bildungsprogrammen beschränkt sein, denn das gemeinsame Lesen eines (digitalen) Buches kann die Sprach- und Lernentwicklung fördern.
    • Für Kinder im Schulalter (5 bis 17 Jahre) sollte die Bildschirmzeit auf 2 Stunden pro Tag begrenzt sein. Lange sitzende Tätigkeiten sollten so oft wie möglich unterbrochen werden, um Zeit für soziale Interaktionen und schöne Erlebnisse zu schaffen. Für ein gesundes Schlafverhalten sollte die Bildschirmzeit vor dem Schlafengehen reduziert und Bildschirmgeräte aus dem Schlafzimmer entfernt werden.
    • Die Bildschirmzeit sollte im Gleichgewicht mit der Zeit im Freien sein.
    • Tipp: Auf vielen Smartphones kann die Bildschirmentfernung festgelegt werden: Der Bildschirm verdunkelt sich, wenn das Smartphone in kürzerem Abstand gehalten wird.

Sind Bildschirme anders als Bücher?
Häufig werden digitale Geräte in kürzerem Abstand vor dem Auge gehalten. Dafür müssen die Augen stärker in die Nähe fokussieren und sind angestrengter. Das Lesen auf Bildschirmen scheint die Augen daher schneller zu ermüden. Auch die Lesegeschwindigkeit scheint auf dem iPad langsamer als in einem Buch mit Papierseiten zu sein.
Bildschirmzeiten sind häufig länger als Lesezeiten, da besonders Social Media Apps gezielt das Belohnungszentrum im Gehirn ansprechen.
Auch der stärkere Kontrast auf Bildschirmen, schwarze Schrift auf weißem Hintergrund, ist nicht optimal für die Augenentwicklung und scheint die Kurzsichtigkeit zu fördern.
Das Risiko für eine zunehmende Kurzsichtigkeit bei Kindern ist also wahrscheinlich nicht durch digitale Geräte selbst erhöht, sondern vielmehr dadurch, wie sie genutzt werden.

Besprechen Sie die visuellen Gewohnheiten Ihres Kindes mit Ihrem Myopie-Spezialisten. Dieser wird Verhaltensweisen, die das Kurzsichtigkeitsrisiko steigern, erkennen und mit Ihnen und Ihrem Kind daran arbeiten, das Sehumfeld zu verbessern.

Und wenn Ihr Kind bereits kurzsichtig ist?

Viele Maßnahmen können das Zunehmen der Sehstärke bremsen. Diese umfassen spezielle Brillengläser, Kontaktlinsen oder Augentropfen. Lassen Sie sich hierzu von Ihrem Augenarzt oder Myopie Spezialisten beraten.

Literatur

1 Hou W, Norton TT, Hyman L, Gwiazda J; COMET Group. Axial Elongation in Myopic Children and its Association With Myopia Progression in the Correction of Myopia Evaluation Trial. Eye Contact Lens. 2018 Jul;44(4):248-259.,

2 Tideman JW, Snabel MC, Tedja MS, van Rijn GA, Wong KT, Kuijpers RW, Vingerling JR, Hofman A, Buitendijk GH, Keunen JE, Boon CJ, Geerards AJ, Luyten GP, Verhoeven VJ, Klaver CC. Association of Axial Length With Risk of Uncorrectable Visual Impairment for Europeans With Myopia. JAMA Ophthalmol. 2016 Dec 1;134(12):1355-1363.

3 Pan, C.W., Ramamurthy, D. & Saw, S.M. (2012). Worldwide prevalence and risk factors for myopia. Ophthalmic & Physiological Optics : the Journal of the British College of Ophthalmic Opticians (Optometrists), 32(1), 3–16.

4 Jones, L. A., Sinnott, L. T., Mutti, D. O., Mitchell, G. L., Moeschberger, M. L. & Zadnik, K. (2007). Parental history of myopia, sports and outdoor activities, and future myopia. Investigative Ophthalmology & Visual Science, 48(8), 3524–3532.

5 Rudnicka, A. R., Kapetanakis, V. V., Wathern, A. K., Logan, N. S., Gilmartin, B., Whincup, P. H., … & Owen, C. G. (2016). Global variations and time trends in the prevalence of childhood myopia, a systematic review and quantitative meta-analysis: implications for aetiology and early prevention. British Journal of Ophthalmology.

6 Gwiazda, J., Thorn, F., & Held, R. (2005). Accommodation, accommodative convergence, and response AC/A ratios before and at the onset of myopia in children. Optometry and Vision Science, 82(4), 273-278.

7 Bento G, Dias G. The importance of outdoor play for young children’s healthy development. Porto Biomed J. 2017 Sep-Oct;2(5):157-160.

8 Zamora AN, Waselewski ME, Frank AJ, Nawrocki JR, Hanson AR, Chang T. Exploring the beliefs and perceptions of spending time in nature among U.S. youth. BMC Public Health. 2021 Aug 23;21(1):1586.

9 Xiong S, Sankaridurg P, Naduvilath T, Zang J, Zou H, Zhu J, Lv M, He X, Xu X. Time spent in outdoor activities in relation to myopia prevention and control: a meta-analysis and systematic review. Acta Ophthalmol. 2017 Sep;95(6):551-566.

10 Deng L, Pang Y. Effect of Outdoor Activities in Myopia Control: Meta-analysis of Clinical Studies. Optom Vis Sci. 2019 Apr;96(4):276-282.

11 Huang HM, Chang DST, Wu PC (2015) The Association between Near Work Activities and Myopia in Children—A Systematic Review and Meta-Analysis. PLOS ONE 10(10): e0140419.

12 Harrington SC, Stack J, O’Dwyer V. Risk factors associated with myopia in schoolchildren in Ireland. Br J Ophthalmol. 2019 Dec;103(12):1803-1809.

13 Yang GY, Huang LH, Schmid KL, Li CG, Chen JY, He GH, Liu L, Ruan ZL, Chen WQ. Associations Between Screen Exposure in Early Life and Myopia amongst Chinese Preschoolers. Int J Environ Res Public Health. 2020 Feb 7;17(3):1056.

14 Moon JH, Kim KW, Moon NJ. Smartphone use is a risk factor for pediatric dry eye disease according to region and age: a case control study. BMC Ophthalmol. 2016 Oct 28;16(1):188.

15 Mohan A, Sen P, Peeush P, Shah C, Jain E. Impact of online classes and home confinement on myopia progression in children during COVID-19 pandemic: Digital eye strain among kids (DESK) study 4. Indian J Ophthalmol. 2022 Jan;70:241-245.

16 Foreman J, Salim AT, Praveen A, Fonseka D, Ting DSW, Guang He M, Bourne RRA, Crowston J, Wong TY, Dirani M. Association between digital smart device use and myopia: a systematic review and meta-analysis. Lancet Digit Health. 2021 Dec;3(12):e806-e818.

17 Chua WH, Balakrishnan V, Chan YH, Tong L, Ling Y, Quah BL, Tan D. Atropine for the treatment of childhood myopia. Ophthalmology. 2006 Dec;113(12):2285-91.

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